Archiv | November, 2013

Feuchtgebiete

29 Nov

Feuchtgebiete kommen in der LITERAtur inzwischen recht häufig, in der NAtur aber immer seltener vor. Wussten Sie, dass die Partymeile hinter dem Ballermann 6 früher ein Sumpf war? Heute ja irgendwie auch wieder, damals aber nicht mit Schluckspechten, sondern mit Enten, Reihern (!) und übrigens auch Anopheles-Mücken. Das sind die, die Malaria verbreiten. Und Malaria gab es, man mag es kaum glauben, am heutigen Ballermann bis ins 19. Jahrhundert. Als Gegenmittel wurde Palo verabreicht. Ein von mallorquinischen Mönchen erfundener Schnaps, der neben Johannisbrot und Enzian auch Chinarinde enthält, und die wurde später der Grundstoff für das Malariamittel Chinin.

Malaria haben wir auf Mallorca zum Glück inzwischen nicht mehr, aber noch ein klitzekleines Feuchtgebiet. Das heisst ‚Ses Fontanelles‘ und befindet sich bei Can Pastilla, gleich am Anfang der Playa de Palma.

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Wenn man auf der Autobahn von Palma kommend bei der Ausfahrt 10 abbiegt, kommt man direkt daran vorbei. Gegen Abend sieht man dort gleich neben der Strasse hinter Schilfrohr die Schlafbäume von etwa 60 dort beheimateten Weissreihern. Die sitzen bei Sonnenuntergang zuhauf auf diesen Bäumen. Sieht ein bisschen so aus, als ob es geschneit hätte, und zwar  ziemlich dicke Flocken.

Nicht mehr lange! Denn auch dieser Sumpf, neben dem Naturschutzgebiet Albufeira Park bei Alcudia der letzte auf Mallorca, wird nun trockengelegt. Geschafft haben das millionenschwere Investoren in enger Kooperation mit der lokalen Politik, die sich im Trockenlegen von Sümpfen bestens auskennt. Im hiesigen Gefängnis gibt es inzwischen einen eigenen Trakt für wegen Korruption verurteilte Politiker. Immerhin.

Schon vor Jahren wurde in der südöstlichen Ecke von ‚Ses Fontanelles‘ das durchaus besuchenswerte „Palma Aquarium“ errichtet. Immerhin eine schonende und sozusagen artgerechte Bebauung. Was aber kommt nun und legt den Sumpf endgültig trocken? Na, kommen Sie drauf?

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Genau, ein Einkaufszentrum! Davon haben wir nämlich viel zu wenige auf unserer Sonneninsel und das nächstgelegene ist immerhin drei endlos lange Kilometer entfernt. Ein deutlicher Bedarf also, auch wenn die Kaufkraft der Einheimischen seit 2008 dramatisch gesunken ist und immer mehr Touristen immer weniger Geld ausgeben. Arbeitsplätze heisst auch hierzulande das Zauberwort. 4000 werden hier angeblich geschaffen. Unerwähnt bleibt, dass die woanders verloren gehen. Ganz besonders im familiären Einzelhandel. Ein klares Nullsummenspiel –  Vorteil Investoren. Ein Leser der Lokalzeitung ‚Ultima Hora‘ hat es in einem Kommentar auf den Punkt gebracht: „Detras de una gran excavadora siempre hay un pequeño politico, con un gran bolsillo“ – Hinter einem grossen Bagger steht immer ein kleiner Politiker mit einem grossen (noch zu füllenden) Geldbeutel.

Hier können Sie sich jetzt nochmal angucken, was Sie bei Ihrem nächsten Malle-Urlaub nicht mehr sehen werden!


Ein richtig traurig stimmendes Video. Leider gibt es ausser meinem Blog kaum Informationen auf Deutsch oder Englisch zu diesem Thema. Die Bürger-initiative ‚Salvem Ses Fontanelles‘ ist aber mit sehenswertem Bild- und Videomaterial bei facebook und YouTube vertreten

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Happy Birthday Bruder Juniper!

23 Nov

Gemeint ist Junipero (auf Katalanisch Juniper) Serra, ein Franziskanermönch aus dem Zweieinhalbtausend-Seelen-Städtchen Petra, das ziemlich mittig auf Mallorca liegt. Der würde nämlich am Sonntag, dem 24. November 2013 dreihundert Jahre alt werden. Mitfeiern kann er selbst natürlich nicht mehr, denn er ist schon am 28. August 1784 einundsiebzigjährig in Carmel bei Monterry in Kalifornien gestorben.

Diesen Ort, bzw. die Misión de San Carlos Borromeo de Carmelo, aus der der Ort entstand, hatte er 13 Jahre vor seinem Tod selbst gegründet. Carmel erlangte übrigens einen gewissen neuzeitlichen Ruhm, weil  Clint Eastwood dort einige Jahre Bürgermeister war und immer noch dort wohnt. Aber das nur nebenbei – zurück zu unserem mallorquinischen Franziskanermönch. Der ist nämlich der berühmteste Mallorquiner überhaupt. Noch berühmter als selbst das Tennis-As Rafael Nadal oder gar Jürgen Drews, obwohl letzterer ja immerhin selbst proklamierter König von Mallorca ist. Im deutschen Sprachraum ist Serra allerdings kaum bekannt, und auch der durchschnittliche Urlauber an der Playa de Palma kann im Allgemeinen nichts mit seinem Namen anfangen. Das ist schade, denn immerhin gilt der Mönch als Gründer Kaliforniens. Zumindest hat er dort neben Carmel etliche  Missionsstationen gegründet, aus denen sich Städte entwickelt haben, und die kennen wir alle:  San Francisco, Los Angeles,  San Diego und Sacramento sind die bekanntesten.

Wie aber ist er von Mallorca nach Amerika gekommen? Als er sechzehn war, übergaben seine bitterarmen Eltern den Jungen an die Franziskaner. Die hatten ihm, der aufgeweckt und intelligent war, in Petra schon mal Lesen und Schreiben beigebracht, damals ein ziemliches Privileg für einen Bauernburschen. Nun wurde er an das Franziskanerkloster in Palma versetzt (das sehen Sie übrigens auf unserer Altstadttour 1 ), er studierte an der Universität Lluliana in Palma Theologie, wurde zum Priester geweiht und  Professor der Philosophie. Als scharfer Denker und begnadeter Rhetoriker machte er sich dort bald einen Namen.

1748 segelte er zunächst nach Cadiz und von dort weiter nach Veracruz in Nueva España, dem heutigen Mexico. Dort gründeten die Franziskaner unter seiner Leitung fünf Klöster und arbeiteten sich im Laufe der folgenden Jahre bis ins heutige Kalifornien vor, wo sie 21 weitere Missionsstationen gründeten. Die USA würdigten seine Gründertätigkeit und stellten seine Büste, als einzige eines Nicht-US-Amerikaners,  im Capitol in Washington auf. Sehr zum Missfallen der indianischen Urbevölkerung, aus der auch heftig gegen die 1988 durch Papst Johannes Paul II erfolgte Seligsprechung Serras protestiert wurde.

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Unter den Indianern hatte Serra nämlich ein ziemliches Schreckensregiment errichtet. Sie wurden gezwungen, ihre bisherige, ausgewogene Lebensweise als Jäger und Sammler aufzugeben, mussten sesshaft werden, auf engen Raum in von Palisaden umzäunten Wehrdörfern leben, in denen sich Infektionskrankheiten schnell verbreiteten. Dadurch dezimierte sich die indigene Bevölkerung, die um 1820, also nur 36 Jahre nach Serras Tod fast völlig kollabiert war. Die Spanier behandelten die Indianer wie unmündige Kinder, körperliche Züchtigungen waren an der Tagesordnung. Zur dunklen Seite von Junipero Serras Wirken gehörten passender Weise dann auch seine Tätigkeit als Inquisitor und Hexenjäger. Päderast war er aber vermutlich nicht, obwohl manche Betrachter seiner Statuen, auf denen er meist neben einem Indianerjungen dargestellt wird, dies süffisant vermuten. Wenn man Bilder aus der spanischen Missionierung der Amerikas sieht, stellt man allerdings fest, dass dort die Indianer meist halb so gross wie ihre spanischen Missionare und Konquistadoren dargestellt werden – unmündige Kinder halt, so hat man sie gesehen,  so hat man sie be- und eben auch  misshandelt.

Ein Rätsel aber bleibt, und ich habe bisher nirgends auch nur den kleinsten Hinweis zur Lösung gefunden. Vielleicht weiss ja die geneigte Leserin mehr und kann mir auf die Sprünge helfen: Juniper Serra wurde vor dreihundert Jahren auf den katalanischen Namen Miquel Josep Serra i Ferrer getauft. Als er Mönch wurde, nahm er den Vornamen Juniper(o) an. Das ist an sich nichts Besonderes, denn oft nehmen ja Nonnen und Mönche die Namen irgendwelcher Heiliger an. Junipero ist aber kein Heiliger, sondern heisst im Spanischen ‚Wachholder‘ oder schlimmer noch, in einer weiteren Bedeutung ‚Trottel‘.

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