Archiv | Oktober, 2012

Mallorca, Marathon und Marketing

21 Okt

Heute ist es mal wieder soweit. In wenigen Minuten werde ich von meiner Dachterrasse in Can Pastilla auf viele sehnige, oft schon etwas ältere Menschen hinabblicken können, die etwa 90 Minuten lang an unserem Haus vorbei traben werden. Der vorletzte Sonntag im Oktober steht in Palma nämlich schon seit Jahren ganz im Zeichen des TUI-Marathons.

Eine Woche später wird dann die Zeit umgestellt und ein Grossteil der Hotels für den nun anstehenden touristischen Winterschlaf eingemottet. Heute jedoch bäumt sich die herbstliche Natur noch einmal auf, und mit ihr ein paar Tausend LäuferInnen, die sich quer durch die Altstadt und dann, von heftigen Sturmböen gepeitscht, gerüttelt und geschüttelt, mal geschoben mal gebremst, die 42 Kilometer an ganz wunderbarer Meer-, Stadt-  und Landschaft entlang mühen. Die Streckenführung entspricht im Wesentlichen unserer Tour1 ,und da es die schon vor dem ersten Palma-Marathon gab, kann ich mich in aller Bescheidenheit als einen der Gründerväter dieses sportlichen Ereignisses betrachten.

Ebenso wie für unsere Volkswirtschaft im Allgemeinen ist allerdings auch für den Palma-Marathon im Besonderen stetiges Wachstum offenbar unabdingbar.  Da die Streckenlänge auf historischen Vorgaben, nämlich dem Weg von Marathon bis Athen beruht, ist Wachstum in Form von Verlängerung hier leider nicht mehr möglich.

Der erste Marathonläufer, ein gewisser Pheidippidis, brach unmittelbar nach dem Lauf  mit den Worten „Wir haben gesiegt!“ tot zusammen.  Auch hier scheint  eine Steigerung wenig wünschenswert.

Was tun, sprach Zeus – Wie Woll’n Wir Weiter Wachsen? Zum Glück gibt es heute, anders als bei den alten Griechen, das  Marketing. Und das hat das ursprünglich eintägige Event inzwischen auf immerhin schon drei Tage ausdehnen können. Es kamen zunächst ein  Halbmarathon und der 10km-Lauf noch am selben Sonntag hinzu.

Anschliessend der ‚Kids Run‘ am Samstag davor. „Kinder des Nordens laufen für Kinder des Südens“ zugunsten eines UNICEF-Projektes im Niger. Nach dem bewährten Marketing Motto „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“   ( goethe & friends /consultants, frankfurt + weimar).

Und jetzt also auch noch der Freitag. Da gibt es nämlich, in diesem Jahr zum ersten Mal, einen ‚Nordic Walking‘ – Lauf. Das ist dieses Wandern mit Skistöcken. Scheinbar nicht ganz ungefährlich, da die meisten TeilnehmerInnen des 10km-Walks diesen in leuchtend roten, gelben oder grünen Sicherheitswesten absolviert haben. Auch deren schon seit Jahren kontinuierlich zunehmende und weltweite Verbreitung ist übrigens recht beindruckendes  Marketing.

Doch zurück zu ‚Nordic Walking‘ als eigenständiger Sportart.  Vermutlich auch wieder von einer Marketingabteilung entwickelt,  möglicherweise in Skandinavien. Wahrscheinlich in einer Skistock-Fabrik auf der Suche nach Absatzmärkten auch im Sommer, um die Produktion ganzjährig am Laufen zu halten. Ökonomisch sehr sinnvoll, wenn nicht sogar genial. Sportlich vom ‚Iron Man‘ eher etwas abschätzig belächelt, aber immerhin – die Leute kommen an die frische Luft und bewegen sich. Sogar über einen längeren Zeitraum.

Insofern gesundheitlich allemale empfehlenswerter als jene andere Marketing-Idee vor ein paar Jahren, als plötzlich ganz viele Zeitgenossen auf diesen beknackten, kleinen, silbernen Metallrollern durch Fussgängerzonen, Bürogebäude und Abflughallen rollerten, um sich kurz darauf vom Orthopäden ihres Vertrauens den Hexenschuss wegspritzen zu lassen.

Wie aber kann der Palma-Marathon dann in Zukunft noch weiter wachsen? Ganz einfach, my dear marketeers  –  nehmt halt auch noch den Donnerstag hinzu! Und da macht Ihr dann „Stand-Up-Surfing“, auch als „Paddle-Surfing“ bekannt.

Das ist die neue Trendsportart für alle, denen Kite-Surfing und Bungee-Jumping zu aufregend ist. Man steht auf einem ziemlich breiten Surfbrett und bewegt sich mittels eines mal links, mal rechts eingetauchten Paddels vorwärts. Venezianischer Gondel-Stil. Und wie ein Mitradler neulich sehr treffend bemerkte: „Sieht aus wie Nordic Walking auf dem Wasser!“

Willi Kramme

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